Triggerwarnung / Content Warning
Diese Geschichte enthält Darstellungen und Erwähnungen von Gewalt, Tod, Folterandrohungen, Versklavung und psychischer Manipulation. Weitere Themen sind Massenmord, die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen, Krieg, körperliche Verletzungen, der Verlust geliebter Menschen sowie der Verlust körperlicher Fähigkeiten. Außerdem werden Kontrollverlust, emotionaler Missbrauch und die psychischen Folgen langjähriger Unterdrückung thematisiert.
Bitte lies die Geschichte nur, wenn du dich mit diesen Themen wohlfühlst.
Bar-Gespräche
Irgendwo auf einem Planeten am Rand der Milchstraße betrat eine weißhaarige Frau eine Bar. Sie ging mit sicheren Schritten zum Tresen und setzte sich neben einen großen, massigen Mehandor, dessen rote Mähne kaum zu übersehen war.
Sie musterte ihn kurz und gab dem Wesen hinter dem Tresen mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie dasselbe trinken wollte wie ihr Nachbar. Wenig später stellte man ihr einen großen, hölzernen Krug mit einer klaren Flüssigkeit hin. Selbstbewusst hob sie ihn an und nahm einen kräftigen Schluck.
„Verdammt, das ist Alkohol. Und verdammt starker noch dazu!“
Der Gedanke kam zu spät. Hustend rang sie nach Luft. Neben ihr lachte der Mehandor, nahm selbst einen tiefen Schluck und stieß anschließend einen Rülpser aus, der einen üblen Geruch verbreitete.
„Sag mal, Großer“, begann sie, „kennst du das Mittelalter der Terraner?“ Noch ehe er antworten konnte, fuhr sie fort: „Lass mich dir etwas erzählen.“ Leicht angewidert schob sie den Krug von sich.
„Die Terraner lebten damals auf einem technologischen Niveau, das ungefähr dem dieser Welt entsprach – abgesehen davon, dass hier ein vollwertiger Raumhafen in Sichtweite liegt. Noch heute erzählen sie Geschichten von Drachen: großen, feuerspeienden Echsen mit Flügeln, die gegen Ritter in Metallrüstungen kämpften, wenn diese sich vor einer Jungfrau wichtigmachen wollten. Was die wenigsten wissen: Diese Drachen gab es wirklich. Und ich will dir von einer von ihnen erzählen.“
Vor Jahrtausenden hatte sich ein Volk von Drachen lange verborgen gehalten. Sie konnten die Gestalt von Menschen annehmen und lebten unerkannt unter ihnen. Doch die wachsende Gier von Königen und Kirchenfürsten, die das einfache Volk knechteten, trieb die Drachen dazu, ihre wahre Gestalt zu zeigen.
Obwohl sie nur wenige waren, konnten sie sich rasch durchsetzen. Selbst schwer gepanzerte Ritter waren dem Feueratem der Drachen kaum gewachsen. Trotzdem wurden die Drachen nie zur beherrschenden Spezies auf Terra.
Die Menschen jener Zeit sprachen von Dämonenportalen: großen schwarzen Ringen mit flammenden Rändern, die wie dunkle Höhleneingänge ins Nichts führten. Sie verstanden nicht, was sie sahen. In Wahrheit waren es Fallen – Teil eines Netzes, das die Drachen einen nach dem anderen einfing und an einen unbekannten Ort brachte.
Der Barkeeper nahm ihr den Krug ab und stellte ihr stattdessen einen Becher Wasser hin. Diesmal roch sie erst daran und kostete vorsichtig, ehe sie ihren Durst stillte.
„An diesem Ort befand sich ein großer Kristall“, erzählte sie weiter. „Etwa fünf Meter hoch und zwei Meter im Durchmesser. Vermutlich wertvoll genug, dass mancher Arkonide dafür seinen Khasurn verkaufen würde.“
In den Augen des Mehandor blitzte Interesse auf. Er sagte nichts, hörte ihr aber aufmerksam zu.
„Du musst noch etwas wissen, bevor ich zur eigentlichen Geschichte komme: Dieser Kristall ist der Anker einer negativen Superintelligenz. Sie verwendet Technik, die ungefähr dem Stand der Arkoniden während der Methankriege entspricht, und ein Volk kleinwüchsiger, überdrehter Wesen als Helfer, um ihren Einflussbereich auszuweiten. Nach heutigen Maßstäben sind das ziemlich schlechte Voraussetzungen.“ Sie beugte sich leicht zu ihm. „Aber nun zur Anführerin der Drachen.“
Das erste Treffen
Mit einem lauten Schrei schlug Lilith auf dem Boden auf. „Wo verdammt bin ich …?“
Sie verstummte, als sie erkannte, dass sie nicht die Schwelle ihrer Höhle überschritten hatte. Sie lag in einem fremden Raum, umgeben von Dutzenden anderen. Einige kannte sie sofort – Freunde und Gefährten. Je länger sie sich umsah, desto mehr vertraute Gesichter entdeckte sie. Es mochten an die hundert sein. Vielleicht war das ihr ganzes Volk.
Lilith wusste, dass die Drachen nicht zahlreich waren. Doch diese kleine Menge vor Augen zu haben, erschreckte sie mehr, als sie erwartet hätte.
„Wo sind wir hier?“, fragte sie in die Runde.
Niemand wusste es. Einige waren beim Betreten ihrer Höhlen verschwunden, andere waren im Flug von einem schwarzen Etwas verschluckt worden. Wieder andere berichteten, bereits seit ein oder zwei Tagen hier zu sein. Ein paar fragten, ob jemand etwas zu essen dabeihabe.
Da bemerkte Lilith ihren eigenen Hunger. Sie hatte seit einem Tag nichts gegessen. In ihrer Heimat, irgendwo in Mitteleuropa, herrschte erneut eine Hungersnot, während die Adeligen sich die Bäuche vollschlugen. Sie hatte sich in ihre Höhle zurückziehen wollen, um einen Angriff auf eine Burg vorzubereiten. Die Vorräte dort sollten den Menschen im benachbarten Dorf helfen.
„Ruhe!“
Die Stimme kam von überall und zugleich von nirgendwo. Erst nach einem Moment begriff Lilith, dass sie nicht durch die Luft zu hören war. Sie erklang unmittelbar in ihrem Kopf. Die anderen reagierten ebenso verwirrt. Dann richteten sich alle Blicke auf den großen Kristall in der Mitte des Raumes.
„Ich bin MASTER“, verkündete die Stimme. „Von diesem Augenblick an bin ich euer Herrscher. Ihr werdet mir gehorchen.“
Ein Lachen ging durch die Menge. Es verstummte, als ein Lichtblitz vom Kristall ausging und einen der Männer traf. Er zerfiel vor Liliths Augen zu Staub.
„Du verdammter Kristall! Was fällt dir ein?“ Lilith kannte den Toten. Sie hatte sogar einmal das Lager mit ihm geteilt. „Wir kämpfen seit Jahren gegen Bischöfe und Könige, um uns doch nicht von einem Stein herumkommandieren zu lassen!“
Sie holte tief Luft und sammelte den entzündlichen Speichel aus den Drüsen ihres Kiefers. Als sie ihn in Richtung des Kristalls spuckte, entzündete er sich zu einem faustgroßen Feuerball. Doch kurz vor dem Ziel prallte er an einer unsichtbaren Barriere ab.
Ein zweiter Blitz traf Lilith in die Brust. Die Wucht schleuderte sie nach hinten. Ein rotes Glimmen breitete sich über ihrem Herzen aus. Als sie sich aufrichten wollte, durchfuhr sie ein Schmerz, den sie nie zuvor erlebt hatte. Sie schrie und brach wieder zusammen. Eine weitere Welle ließ sie beinahe das Bewusstsein verlieren.
Die anderen wollten ihr helfen. Einige holten bereits Luft, um ebenfalls Feuer auf den Kristall zu speien, doch Lilith hob mühsam den Kopf.
„Halt! Nicht!“
Sie wies die anderen zurück, obwohl sie kaum stehen konnte. Schwankend ging sie auf den Kristall zu. Ein rotes Leuchten lag in ihrer Brust. Ihre Gefährten wollten sie stützen, aber sie schlug ihre Hände aus.
„Komm näher“, befahl die Stimme in ihrem Kopf.
Lilith hob die rechte Hand und berührte den Kristall. Ihr Kopf ruckte nach oben. Ein gequältes Stöhnen entrang sich ihrer Kehle. Ihre Augen leuchteten rot auf, und feine rote Linien zeichneten sich auf ihrem Arm ab, wanderten wie glühende Adern bis zu ihrer Schulter.
Erschöpft sank sie vor dem Kristall zu Boden. Niemand wagte, ihr zu helfen. Nach langen Sekunden kam sie wieder zu sich und tastete verwirrt nach ihrem Kopf.
„Was … was ist passiert?“
„Du bist von nun an Lilith, mein Sprachrohr und Überbringerin meines Willens in dieser Galaxis“, erklärte MASTER. „Der Rest deines Volkes wird Teil meiner Armee. Die Uneinsichtigen werden beseitigt. Ich werde euch die nötige Kraft dafür geben.“
Rotes Licht flutete den Raum. Die Drachen schrien auf, als sich ihre Flügel unter der Kleidung regten. Wie sonst auch durchströmte sie die Energie für ihre Verwandlung – doch diesmal war etwas anders. Sie fühlten sich stärker. Einer nach dem anderen nahm die Drachengestalt an. Schließlich standen fast hundert Drachen im Raum, brüllten auf und senkten dann die Vorderpranken, um sich vor dem Kristall zu verneigen.
Lilith spürte, dass auch sie sich verwandeln konnte. Doch anders als zuvor konnte sie die Veränderung nun gezielt steuern. Sie ließ nur ihren rechten Arm zur schuppenbedeckten, krallenbewehrten Pranke werden. Eine nie gekannte Kraft durchströmte sie. Sie war überzeugt, damit eine Stadtmauer einschlagen zu können. Auch war sie von nun an nicht mehr allein. Sie spürte die Präsenz des Kristalls in sich und ein stetiges Flüstern. Noch war es leise und unverständlich, doch bald würde es klarer werden, da war sie sich sicher – auch wenn sie nicht wusste, woher diese Gewissheit kam.
Der Rausch der neuen Macht überdeckte den kleinen, verzweifelten Teil in ihr, der zu begreifen versuchte, dass sie und ihr Volk gerade versklavt worden waren.
Auch Lilith verneigte sich nun. „Meister, ich danke Euch für Eure Gaben. Wir werden Euch folgen.“ Für einen kurzen Moment gewann sie einen klaren Gedanken. „Doch lange können wir so nicht kämpfen. Mein Volk leidet Hunger. Wir kommen von einer armen Welt, und manche haben seit Tagen nichts gegessen.“
Mehrere zuvor unsichtbare Türen öffneten sich. Kleine, kaum einen Meter große Wesen stürmten herein, bauten Tische auf und brachten Unmengen an Lebensmitteln. Sie schienen vor Energie und guter Laune beinahe zu platzen. Die Drachen verwandelten sich zurück und eilten jubelnd zu den Tischen. Teller und Besteck wurden ignoriert; sie griffen mit den Händen zu und stopften das Essen in sich hinein.
„Seltsame Wesen“, murmelte Lilith. „Das genaue Gegenteil unseres Meisters.“ Dann ging sie zu einem Tisch und begann langsam und bedächtig zu essen.
Der erste Einsatz
Es dauerte nicht lange, bis Lilith und die anderen Drachen an Bord eines Raumschiffs waren. Gemeinsam mit einer kleinen Flotte näherten sie sich einem Planeten, dessen Bevölkerung aus Insektoiden bestand. Diese verwendeten Schusswaffen mit Schwarzpulver; eine echte Industrialisierung hatte noch nicht stattgefunden. Doch die Bewohner waren zahlreich, und ihre Welt war so dicht besiedelt, dass Kriege zum Alltag gehörten.
Der Auftrag war eindeutig: Die Insektoiden sollten sich MASTER unterwerfen. Falls sie sich weigerten, würde die Flotte ihre Welt so lange bombardieren, bis die Bevölkerung gehorchte – oder ausgelöscht war.
„Nur noch ein Sprung, dann sind wir da, Lilith“, sagte einer ihrer Artgenossen.
Aus Platzgründen trugen alle Drachen ihre menschliche Gestalt. Ihre Flügel verbargen sie nicht mehr unter der Kleidung, sondern trugen sie offen. MASTER hatte ihnen Uniformen gegeben, deren Material sich offenbar ihren Verwandlungen anpasste. Schnitt und Muster waren bei allen gleich. Nur Lilith trug ein besonderes Abzeichen, das sie als Vertreterin der Superintelligenz und Anführerin der Drachen auswies.
Sie strich über den Stoff. „Nanomaterial. Anpassungsfähig, beständig, selbstreinigend und hitzefest.“ Sie hielt inne. Woher wusste sie das? Noch vor kurzer Zeit hatte sie Schafswolle getragen und kaum von Raumfahrt träumen können.
„Was meinst du, Lilith?“, fragte ihr Gefährte.
„Lass mich in Ruhe!“
Die Schärfe ihrer Antwort erschreckte sie beinahe selbst. Sofort tat ihr der andere leid, doch sie brachte keine Entschuldigung über die Lippen. Früher hatte sie sich gefreut, jemanden ihres Volkes zu treffen. Inzwischen reizte sie die Nähe der anderen, und ihre Anwesenheit löste immer häufiger Abscheu in ihr aus.
„Mach dir keine Gedanken“, erklang MASTER in ihrem Kopf. Die Stimme ließ die Anspannung nachlassen. „Die anderen spielen keine Rolle. Nur du bist wichtig. Sie sind ersetzbar. Du bist mein Sprachrohr. Durch mich wirst du alles lernen, was du brauchst, um andere Völker zu unterwerfen. Heute wirst du beweisen, dass du meine Erwartungen erfüllst. Enttäusche mich nicht.“
„Niemals, Meister. Ich gehöre Euch“, antwortete Lilith in Gedanken.
Laut sagte sie in die Zentrale: „Achtung. Sprung jetzt!“
Das Schiff wechselte in den Hyperraum und tauchte in Planetennähe wieder im Normalraum auf. Die Scanner liefen sofort an. Lilith betrachtete die Anzeigen: Mehrere Kriege waren im Gange. An einem Ort bezogen zwei große Armeen Stellung, offenbar um eine Schlacht vorzubereiten.
„Das Flaggschiff geht tiefer. Die übrigen Schiffe beziehen Position im Orbit und bereiten die Bombardierung vor. Wir stellen uns über der bevorstehenden Schlacht auf und senden eine Botschaft über die Holoemitter.“
Sie verstummte mitten im Satz. Ein rotes Leuchten flammte in ihren Augen auf. Die Stimme in ihrem Kopf war längst kein ständiges Flüstern mehr. „Sei nicht zögerlich. Probiere deine Macht aus. Vernichte sie!“
„Nein. Wir schicken die Hälfte der Drachen hinunter. Wir werden die Armeen niedermetzeln. Danach wird der Rest zuhören.“
Die Besatzung sah sich kurz verwundert an. Es wagte jedoch niemand zu widersprechen.
Als die Drachen den Boden erreichten, waren die Insektoiden mit ihren einfachen Gewehren dem Feueratem kaum gewachsen. Dutzende Drachen flogen über die Schlachtfelder und ließen Feuerstöße auf die Kämpfenden niedergehen. Lilith blieb am Boden. Sie behielt ihre menschliche Gestalt bei und nutzte ihre Flügel, um mit gewaltigen Sprüngen von einer Ansammlung von Insektoiden zur nächsten zu gelangen.
Sie kannte keine Gnade. Mit ihren Krallen riss sie ein Wesen nach dem anderen nieder. Bald war ihre Uniform mit zähem, grünem Blut bedeckt. Ein rotes Glühen lag auf ihrer Brust; in ihren Augen stand ein Ausdruck, den sie selbst nicht wahrnahm.
Umgeben von Leichen sah sie sich um. Das Blut widerte sie an, doch die Stärke, die sie durchströmte, war unfassbar. Sie fühlte sich gut und unbesiegbar. „Ach, was hätte ich auf der Erde mit dieser Kraft an Burgen für die Bevölkerung öffnen können.“ Der Gedanke kam kurz auf, verschwand aber sofort wieder. Sie spürte erneut die Präsenz von MASTER. Die Erde lag in ferner Vergangenheit; was zählte, war, die Erwartungen der Superintelligenz zu erfüllen. Bei dieser Erkenntnis begannen die Kristalle in ihrem Arm sich zu erwärmen. Sie hatte Erfolg gehabt und wurde dafür belohnt. Neue Kraft durchströmte sie. Sie war nicht mehr erschöpft vom Kampf. Stattdessen verspürte sie nur noch das Verlangen, die nächste Welt zu erobern und den nächsten Euphorieschub zu erleben.
Neben ihr stöhnt etwas. Eins der Insekten lebt noch. Kurz schaut sie aus das Wesen hinab. Ihr Magen dreht sich um und ihr wird schlecht. Schnell wendet sies ich ab. “Was habe ich nur getan?” fragt sies ich.
Nach dem Ende der Schlacht begann die Flotte, die größten Städte zu bombardieren. Erst als etwa drei Viertel der Bevölkerung vernichtet waren, flehten die Überlebenden um Gnade und schworen MASTER ewige Treue.
Ein Schiff blieb zurück, um die Unterwerfung zu überwachen. Lilith wusste, dass die gewaltigen Explosionen den Planeten verwüsten würden. Ob die verbliebenen Insektoiden einen nuklearen Winter überleben konnten, spielte für den Auftrag keine Rolle.
Terraner
Jahrhunderte vergingen. MASTER eroberte immer neue Welten, und die Flotte wuchs so stark, dass die Drachen nicht mehr gemeinsam eingesetzt wurden. Lilith war schließlich die einzige ihrer Art an Bord ihres Schiffes. Statt ihre Gefährten zu vermissen, empfand sie Erleichterung. Sie musste sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen. Die Stimme von MASTER war längst ein fester Bestandteil ihres Denkens geworden.
Auch über ihr Alter machte sie sich keine Sorgen. Der Kristall in ihrer Brust – inzwischen ihr Herz – hielt sie am Leben. Sie betrachtete es als Geschenk ihres Meisters, damit sie ihm für immer dienen konnte.
Das Schiff war vor Kurzem von einem Hauptstützpunkt aufgebrochen. Die Wartungsarbeiten waren abgeschlossen, die Vorräte ergänzt und die Besatzung verstärkt worden. In der letzten Schlacht hatte es Verluste gegeben, doch die Flotte war siegreich geblieben. Es standen nur noch einige Probeumrundungen um den Planeten an, um die Systeme zu kontrollieren. Es gab keinen Grund mehr für Lilith, in der Zentrale zu bleiben.
„Ich bin in meiner Kabine“, teilte Lilith einem der kleinen Helfer mit. „Stört mich nur, wenn es unbedingt nötig ist.“
Sie hatte nie gelernt, die Sprache dieser Wesen zu sprechen. Sie wusste nicht, wer oder was sie waren. Es genügte ihr, dass sie für MASTER arbeiteten und jeden Auftrag mit scheinbar unerschöpflichem Eifer ausführten. Was sie wissen musste, sagte ihr die Stimme in ihrem Kopf.
Die Tür zu ihrer Kabine öffnete sich automatisch. Wie im gesamten achthundert Meter langen Pyramidenschiff war der Raum schlicht eingerichtet. Lilith brauchte wenig. Eine Decke war überflüssig; sie konnte sich in ihre Flügel wickeln und sich so warm halten. Bilder oder Erinnerungsstücke an ihr Volk besaß sie nicht. Die Stimme ihres Herrn war immer bei ihr. Mehr brauchte sie nicht. Mehr wollte sie nicht.
Und doch rann ihr eine einzelne Träne über die Wange.
Sie legte sich auf das Bett und wickelte einen Flügel um ihren Körper. Wie so oft breitete sich die vertraute Wärme aus, die sie mit MASTER verband. Sie versuchte zu schlafen, fand aber wie so oft keine Ruhe. Bilder getöteter Feinde plagten sie. Immer wieder sah sie verschwommen ein Wesen, das von einem Blitz getroffen wurde und zu Staub zerfiel.
Doch die Bilder verschwanden wieder. Das Wärmegefühl ihres Meisters nahm ihren Platz ein. Die Träume änderten sich. Sie sah, wie sie eine neue Welt eroberte. Wie so oft wurde auch hier Kristallstaub verteilt: Teile des Hauptkristalls, die sich in der Bevölkerung einnisteten. So gewann MASTER die Kontrolle. Wie bei Lilith gewannen die Wesen dadurch mehr Kraft, doch anders als sie bezahlten sie das Geschenk mit Vitalenergie, die die Superintelligenz stärkte. Starb eines der Wesen, verwehte seine Mentalsubstanz nicht, sondern wurde von der Superintelligenz aufgenommen. Die jahrzehntelange Abhängigkeit vom Kristall korrumpierte die Wesen: Sie wurden stärker, aber auch immer grausamer.
Bei den Wesen in diesem Traum handelte es sich um große, haarige Gestalten. Sie gingen auf zwei Beinen, hatten beeindruckende Oberarme und besaßen die Technologie zur Raumfahrt. Damit war ihr klar: MASTER zeigte ihr, welches Volk als Nächstes unterworfen werden sollte.
„Wach auf! Sofort in die Zentrale. Es ist etwas Unerwartetes geschehen.“
Lilith sprang auf. Sie konnte sich nicht erinnern, dass MASTER jemals von etwas überrascht worden wäre. Sie eilte los und ignorierte jedes körperliche Unbehagen.
In der Zentrale stellte sie fest, dass alle zwanzig Schiffe ihrer Flotte versammelt waren. Doch vor ihnen schwebte ein gewaltiger Ring im All. Davor standen fünf Kugelschiffe, keines größer als etwa fünfhundert Meter. Lilith hielt sie zunächst nicht für eine ernsthafte Bedrohung.
Ein Funkspruch ging ein. Lilith ließ die Verbindung öffnen.
„Wer seid ihr?“, fragte sie barsch, ohne eine Begrüßung.
Auf dem Bildschirm erschien ein Mann. Er sah aus wie ein Mensch – wie die Menschen, an die Lilith sich aus ihrer längst vergangenen Zeit erinnerte.
Für einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte nicht erwartet, jemals wieder auf Menschen zu treffen. Sie hatte geglaubt, sie hätten sich selbst zugrunde gerichtet oder seien längst ausgestorben. Dass sie innerhalb weniger Jahrhunderte die interstellare Raumfahrt entwickelt haben sollten, erschien ihr unmöglich.
„Ich bin Captain Markus Müller vom terranischen Explorerkreuzer MÜNSTER“, sagte der Mann. „Wir führen Erkundungen in diesem Gebiet durch. Können Sie uns sagen, wer Sie sind und weshalb Ihre Flotte hier operiert?“
Lilith fing sich. „Ihr sprecht mit Lilith, dem Sprachrohr der göttlichen Superintelligenz MASTER. Unterwerft euch, dann dürft ihr weiterleben.“
Der Terraner wirkte verwundert. Er blickte kurz zu jemandem außerhalb des Kamerabereichs, dann wandte er sich wieder an sie.
„Da liegt ein Missverständnis vor. Wir sind auf einer Erkundungsmission und haben nicht vor, uns zu unterwerfen. Vielleicht können wir—“
Lilith unterbrach ihn, ließ die Verbindung aber offen, um seine Reaktion auf das zu beobachten, was gleich geschehen würde.
„Zeigen wir ihnen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Eine Raketensalve auf die Schiffe. Mal sehen, ob sie noch so selbstsicher sind, wenn ihr Flaggschiff nur noch Schrott ist.“
Auf ihren Befehl feuerten alle zwanzig Schiffe Raketen auf die kleine Flotte ab. Lilith erwartete, dass die Kugelraumer den Salven nicht standhalten würden.
Doch die Raketen erreichten ihre Ziele nicht. Dutzende kleine Sonnen erschienen scheinbar aus dem Nichts und zerstörten sie, lange bevor sie die fremden Schiffe erreichten.
„Was soll das? Weiterfeuern! Mit allen Geschützen!“
Energiestrahlen durchschnitten das All. Weitere Raketen und Jäger starteten. Das Ergebnis blieb gleich: Die Sonnen vernichteten die Angreifer, während die Energiestrahlen wirkungslos an den Schutzschilden der Kugelschiffe abprallten.
„Stellt die Kampfhandlungen ein! Wir sind euch technologisch überlegen; eure Waffen sind bei uns wirkungslos“, informierte der Captain sie.
„Niemals! Solange ich lebe, werden wir kämpfen – und wenn meine Schiffe euch rammen müssen, um euch zu vernichten“, erwiderte Lilith. Die Wärme ihres Meisters breitete sich in ihr aus und steigerte ihre Aggression weiter.
Dann gingen die Fremden zum Gegenangriff über. Ihre Waffen waren Lilith unbekannt. Sie durchdrangen die Schilde ihrer Schiffe und schalteten Waffen, Schildgeneratoren und Antriebe gezielt aus. Ein Schiff nach dem anderen fiel aus. Die MÜNSTER näherte sich schließlich dem Flaggschiff und dockte an.
Liliths Besatzung leistete Widerstand, doch die Eindringlinge drängten sie zurück. Kampfroboter bildeten die Spitze des Angriffs. Hinter ihnen kamen Soldaten – und ein Wesen, das alles überragte. Es war drei bis vier Meter groß, hatte drei Augen und vier Arme. Seine dunkle Haut steckte in einem roten Anzug.
Das Wesen ging durch Wände, als wären sie kaum mehr als dünne Vorhänge. Es vernichtete nicht jeden, der ihm in den Weg kam; viele Besatzungsmitglieder wurden lediglich paralysiert.
„Warum zeigen sie Gnade?“, entfuhr es Lilith. „Sie wollten uns doch vernichten!“
„Das ist bedeutungslos“, antwortete MASTER in ihrem Kopf. „Du musst sie aufhalten. Wenn sie den Schiffscomputer erreichen, erfahren sie alles über uns. Zerstöre den Computer und bring mir einen dieser Terraner, damit ich ihn verhören kann!“
Lilith hinterfragte den Befehl nicht. Sie eilte zur nächsten Konsole, während die übrigen Besatzungsmitglieder versuchten, eine Verteidigungslinie aufzubauen. Doch es war zu spät. Eine Wand barst, und das dunkelhäutige Wesen stand vor ihr.
„Bitte hört auf“, sagte es mit ohrenbetäubender Stimme und breitete alle vier Arme aus. „Wir wollen euch nichts tun.“
„Niemals! Wir werden euch vernichten!“ Lilith holte tief Luft und schleuderte ihm ihren stärksten Feuerstrahl entgegen. Dabei setzte sie einige ihrer eigenen Leute in Brand. Es kümmerte sie nicht.
Das Feuer prallte nicht an einem Schutzschirm ab. Es schien die Haut des Wesens nicht einmal zu beeinträchtigen.
„Was bist du? Ein Dämon aus der Hölle?“
Ein aufpeitschender Impuls von MASTER trieb sie vorwärts. Lilith breitete ihre Flügel aus und verwandelte die rechte Hand in eine Drachenpranke. Sie schlug zu – doch das Wesen fing ihren Arm ab, als wäre er ein dünner Zweig. Ein kurzer Ruck genügte, um sie von den Füßen zu reißen. Sie krachte gegen eine Wand. Ein stechender Schmerz schoss durch ihren rechten Arm.
Das Wesen beachtete sie nicht weiter. Es wandte sich der Konsole zu und überwand eine Sicherheitssperre nach der anderen. Lilith sah, wie es die Eingaben mit bloßen Händen ausführte. Wie konnte ein organisches Wesen ohne technische Unterstützung so etwas leisten?
Dann entdeckte sie Captain Müller in der Nähe, hinter einem Trümmerstück. Er war von mehreren seiner Leute umgeben. Er musste mit dem „Dämon“ gekommen sein. Das war ihre Gelegenheit. Wenn sie ihn zu MASTER brachte, würde ihr Herr vielleicht einen Weg finden, diese Eindringlinge zu besiegen. Lilith ignorierte, dass Müller mit dem Wesen sprach. Offenbar versuchte der Captain herauszufinden, was hier vor sich ging und warum sie angegriffen worden waren. Die Terraner wollten einen größeren Konflikt vermeiden. Zumal sie offenbar selbst nicht genau wussten, wo sie sich befanden.
Lilith rappelte sich auf und hielt den verletzten Arm an den Körper. Unbemerkt von den Anwesenden konzentrierte sie sich auf die Kraft ihres Meisters. Die Schmerzen in ihrem Arm verschwanden, dafür strömte noch mehr Kraft durch sie hindurch. Sie stieß gegnerische Soldaten beiseite und zerstörte einen Kampfroboter mit einem Schlag ihrer linken Faust. Der „Dämon“ reagierte extrem schnell – schneller, als es ein normales Wesen eigentlich konnte –, doch Lilith war ebenfalls schnell. Diesmal brachte sie ihn aus dem Gleichgewicht und schleuderte ihn hinter die nächsten Konsolen. Dabei knackte ihr angeschlagener Arm laut, und sie konnte ihn nicht mehr bewegen. Sie ignorierte den Schmerz.
Als die Terraner auf sie feuerten, hielt sie ihre hell leuchtenden Flügel vor den Körper. Aus der aufgenommenen Energie formte sie einen Drachenschwanz, schlang ihn um einen Kampfroboter und schleuderte ihn gegen die Soldaten. Noch bevor diese sich neu orientieren konnten, sprang Lilith vor und packte Müller mit der linken Hand.
„Nein, mein Kleines! Du machst einen Fehler!“, dröhnte die Stimme des vierarmigen Wesens durch den Gang.
Ein kalter Schauder lief Lilith über den Rücken. Gegen dieses Wesen hatte sie keine Chance. Der Kampf hatte sie zu sehr erschöpft und die Kristalle liefern keine neue Energie mehr. Sie musste fliehen. Nur einen Gang weiter lag eine intakte Rettungskapsel. Sie schleuderte den sich wehrenden Captain hinein und versetzte ihm mit dem Drachenschwanz einen Schlag, der ihn bewusstlos werden ließ. Dann drückte sie den Startknopf.
Die Kapsel setzte sich in Bewegung, noch bevor das Wesen sie erreichen konnte.
Dank ihrer Absorber startete sie ohne spürbaren Ruck. Die Triebwerke zündeten, und der Planet kam näher.
„Rettungskapsel an Bodenverteidigung“, funkte Lilith. „Wir kommen heiß herein. Bereitet den sofortigen Transport zum Kristall vor. Jeder, der eine Waffe tragen kann, soll sich zum Kampf bereitmachen. Der Feind ist hinter uns.“
Auf dem Bildschirm erschien einer der kleinen Helfer. Er bestätigte den Befehl und schaltete die Verbindung ab.
Für einen kurzen Augenblick wünschte Lilith, einer ihrer Artgenossen wäre bei ihr. Sie wusste nicht, warum dieses Gefühl gerade jetzt zurückkehrte. Seit Jahrzehnten hatte sie keinen Drachen mehr gesehen. Außerdem hätten vermutlich auch ihre Artgenossen gegen diesen Gegner nichts ausrichten können.
Die Kapsel landete. Ein offenes Fahrzeug wartete bereits. Mit schwindenden Kräften hievte Lilith den bewusstlosen Menschen auf die Ladefläche.
„Nur noch ein wenig durchhalten“, murmelte sie. „MASTER wird mir helfen.“
Am Himmel näherten sich mehrere leuchtende Punkte. Die Terraner waren ihnen gefolgt – und das vierarmige Wesen wahrscheinlich ebenfalls. Lilith trat das Gaspedal durch und raste durch die Gänge der unterirdischen Anlage.
Wenige Minuten später erreichte sie den Saal des Kristalls. Sie packte den Captain im Nacken und schleifte ihn vor MASTER.
„Meister, ich habe einen Gefangenen für Euch.“
Der Kristall pulsierte. Dann erklang die Stimme in Liliths Kopf.
„Du hast versagt!“
Ein einziges Wort genügte, um ihre Welt ins Wanken zu bringen.
„Versagt?“ Sie hatte noch nie versagt. Wie konnte das sein?
Etwas in ihr brach auf. Eine leise Stimme, die sie über Jahrhunderte kaum wahrgenommen hatte, erhob sich gegen die Präsenz ihres Meisters. Für einen Moment hörte Lilith nichts mehr von MASTER. Sie hörte nur sich selbst.
Im selben Augenblick durchbrach ein rotes Etwas die schwere Tür. Das vierarmige Wesen war da.
„Ich werde euch vernichten!“, dröhnte es in Liliths Kopf – doch diesmal war es MASTER, der die Worte sprach. Ein heller Punkt erschien auf der Oberfläche des Kristalls. Lilith erinnerte sich an den Blitz, der bei ihrer Ankunft einen ihrer Gefährten zu Staub hatte zerfallen lassen. Nun wurde ihr alles wieder klar, zumindest teilweise: Sie war entführt und zu Grausamkeiten gezwungen worden. Es musste enden, hier und jetzt. Es mussten genug Unschuldige durch ihre Hand sterben, zumindest diesen einen musste sie retten auch, wenn es ihr Leben Kosten würde. Falls sie Glück hatte würde der Dämon es sogar schaffen sie alle von der Unterwerfung zu befreien. Sie spürt etwas besonderes an ihm, wenn er es nicht schafft, dann sind sie alle verloren.
„Nein!“
Lilith warf sich schützend vor Captain Müller und breitete ihre Flügel über ihm aus. Der Blitz traf ihren Rücken. Er tötete sie nicht, aber ihre Kraft brach zusammen. Sie sank in die Arme des Menschen. Neben ihr schlugen ihre Flügel schwer auf dem Boden auf.
„Zerstört den Kristall“, hauchte sie Müller ins Ohr. „Dann verliert er seine Kraft und verweht im Nichts.“
„Mandanos! Der Kristall!“, rief der Captain.
Das vierarmige Wesen zögerte nicht. Es senkte den Oberkörper, stürmte vor und rammte den Kristall. Dieser zersprang in unzählige Splitter. Eine Energiewelle breitete sich durch den Saal aus.
Lilith spürte, wie MASTER aus ihrem Bewusstsein verschwand. Mit ihm erlosch die Kraft, die sie all die Jahrhunderte aufrechterhalten hatte. Blutend und weinend brach sie zusammen. Müller ließ sie vorsichtig zu Boden gleiten.
„Keine Angst, meine Kleine. Wir werden dir helfen“, hörte sie noch jemanden sagen, bevor sie das Bewusstsein verlor.
Auf dem Schiff
November 1515 NGZ
Der Raum drehte sich, als Lilith langsam zu sich kam.
„Sir, sie wird wach“, sagte eine Frau.
Erst nach und nach begriff Lilith, dass sie auf dem Bauch lag. Ihr Gesicht ruhte in einer Öffnung der Liege, sodass sie nur den Boden sehen konnte. Sie versuchte aufzustehen, doch kräftige Fesseln hielten sie fest.
Die Liege richtete sich langsam auf. Als sie senkrecht stand, konnte Lilith den Raum überblicken. Soldaten und Kampfroboter bewachten sie. Menschen in weißen Kitteln standen in der Nähe; vermutlich gehörten sie zum medizinischen Personal.
Captain Müller stand vor ihr. Neben ihm befand sich ein weißhaariger Mann mit roten Augen und einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck.
„Was habt ihr mit mir vor? Wollt ihr mich für meine Taten foltern?“ Liliths Stimme klang schwach. Sie fühlte sich, als hätte man ihr sämtliche Kraft aus dem Körper gezogen. Ihren Rücken spürte sie kaum. Von MASTER war nichts mehr zu hören. In ihrem Kopf herrschten Stille und eine schwere Einsamkeit.
Der Weißhaarige lachte verächtlich, verstummte jedoch, als Müller ihn ansah.
„Keine Angst. Unsere Gesetze verbieten Folter“, sagte der Captain. „Du bist auf der Krankenstation und sollst gesund werden. Der Haluter Mandan konnte Daten aus euren Rechnersystemen auslesen. Danach sieht es so aus, als wärst du von dieser Superintelligenz versklavt worden. Dich trifft nicht allein die Schuld an dem, was geschehen ist. Wir werden dich jedoch einem unserer Gerichte übergeben. Dort wird entschieden, was mit dir geschieht. Immerhin gehen einige unserer Toten auf dein Konto.“
Er ließ ihr einen Moment, bevor er fortfuhr. „Mit der Zerstörung des Kristalls sind die Kämpfe zum Erliegen gekommen. Wir vermuten, dass die von ihm beherrschten Wesen nun frei sind. Allerdings hat die Zerstörung eine Hyperraumwelle ausgelöst und den Riss destabilisiert, durch den wir gekommen sind. Wir mussten entscheiden, ob wir dich zurücklassen – was deinen Tod bedeutet hätte – oder dich mitnehmen. Ich muss zugeben, dass das eine schwere Entscheidung für mich war. Ich habe angesehen wie du meine Leute umgebracht hast. Die Daten die wir sichern konnten bescheinigen schon dutzende von Planeten die von dir überfallen wurden. Auch wenn ich es nicht verstehen kann, Mandan bestand darauf dich zu retten.“
Tränen liefen Lilith über die Wangen. „Was ist mit meinem Volk? Kann ich sie wiedersehen?“
Müller senkte den Blick. „Das wissen wir nicht. Wir hatten zu wenig Zeit, um alle Daten zu sichern. Über andere Drachen wissen wir nichts. Als wir durch den Riss zurückkehrten, stellten wir außerdem fest, dass nicht nur Stunden, sondern mehrere Wochen vergangen waren. Wir können nicht sagen, wo dein Volk ist oder ob es sich überhaupt in derselben Dimension befindet.“
Das war zu viel. Lilith begann zu schluchzen. Ein Alarmton erklang, und die Ärztin schickte die Männer aus dem Raum. Lilith spürte einen leichten Stich im Arm. Dann versank sie erneut in Bewusstlosigkeit.
Einige Tage später kam Captain Müller wieder. Lilith war nicht mehr ans Bett gefesselt, trug aber schwere Metallringe an Armen und Beinen. Die Wachen hatten ihr erklärt, dass sie sich automatisch zu Fesseln schließen würden, sollte sie eine Gefahr darstellen.
„Darf ich mich setzen?“, fragte Müller.
Lilith nickte. Sie blieb auf dem Bett sitzen, während er einen Stuhl heranzog.
„Entschuldige. Das Gespräch vor ein paar Tagen war vermutlich zu viel auf einmal.“
Sie winkte ab. „Ich habe nichts anderes verdient. Ich hätte mich gegen den Kristall wehren müssen. Dann wäre es nicht so weit gekommen. Was wird jetzt aus mir? Die Erde ist nach all der Zeit keine Heimat mehr. Ich bin die Einzige meiner Art, die ihr gefunden habt. Was werdet ihr mit mir machen?“
Müller ging nicht direkt auf ihren Vorwurf ein. „Das ist noch nicht entschieden. Wir waren auf einer Erkundungsmission, als wir auf eure Flotte trafen. Normalerweise müssten wir dich einer zuständigen Stelle übergeben. Captain Tarak von Loomnet hat allerdings eine andere Möglichkeit vorgeschlagen.“
„Wer ist das?“
„Der Arkonide mit den langen weißen Haaren und den roten Augen. Er kommandiert den schnellen Kreuzer ALTHEIM. Er hat Kontakt zu einer spezialisierten Klinik und glaubt, dass man dir dort helfen kann. Dort würde man sich auch um deine Zukunft kümmern.“ Lilith war verwundert. „Mir helfen? Ich habe Milliarden versklavt, ganze Völker vernichtet und euch grundlos angegriffen. Früher lebte ich, um den Schwachen gegen die Reichen zu helfen. Das bin ich seit Jahrhunderten nicht mehr. Eigentlich ist der sofortige Tod noch zu gut für mich.“
Dem Captain war anzumerken, dass ihm das Gespräch Unbehagen bereitete. „Vielleicht hilft es dir, wenn ich etwas über mich erzähle. Wir stecken aktuell in einer schwierigen Situation. Ein fremdes Volk macht sich in der Galaxis breit und beginnt, die stabilisierenden Organisationen zu untergraben. Wir sind auf der Suche nach Informationen, die uns helfen, zu bestehen und wieder Ordnung zu schaffen.
Ich kann dich verstehen. Wir Terraner haben vieles getan, was massive Auswirkungen auf andere Völker hatte, aber wir haben immer versucht, die Dinge zum Guten zu wenden und anderen zu helfen. Du solltest es dir nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Die Mediziner meinten, dass die Kristalle in deinem Körper dein Handeln beeinflusst haben. Ein Teil ist nach der Zerstörung des Kristalls zerfallen, aber manche Kristalle – etwa der in deiner Brust – sind noch aktiv. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen das haben wird. Deshalb auch die Fesseln. Es gibt nicht viele, die einen Haluter im hohen Bogen durch die Gegend schleudern können.“ Der letzte Satz klang krampfhaft lustig, trug aber nicht dazu bei, ihre Laune zu bessern.
Er zögerte kurz. „Und ich wollte dir danken.“
Lilith sah ihn verwirrt an. „Wofür?“
„Dafür, dass du mich mit deinem Leben geschützt hast. Ohne dich hätte der Kristall mich vermutlich getötet. Deine Flügel … unsere Ärzte konnten sie nicht retten. Sie vermuten, dass sie nicht nachwachsen werden. Es tut mir leid.“
Lilith hatte es bereits von den Ärzten gehört. Das Geräusch, das sie im Saal gehört hatte, war das Aufschlagen ihrer Flügel gewesen. Der Blitz des Kristalls hatte ihren Rücken verbrannt und ihre Flügel von ihrem Körper getrennt.
„Bitte entschuldige dich nicht“, sagte sie unter Tränen. „Ich habe so viel Leid über andere Welten gebracht. Das kann ich niemals wiedergutmachen.“
Sie begann erneut zu weinen. Müller setzte sich neben sie und legte vorsichtig einen Arm um ihre Schultern. Nach einigen Minuten beruhigte sie sich.
„Wann werde ich weggebracht?“, fragte sie.
„Morgen wechselst du auf die ALTHEIM. Captain von Loomnet bringt dich zur Klinik. Die anderen vier Schiffe – MÜNSTER, BREITEFELD, DIEBURG und EPPERTSHAUSEN – setzen ihre Erkundungsmission fort. Wir haben eine neue Spur, der wir folgen müssen.“
In der Taverne
„Ist ja ganz nett, was du mir da für eine Geschichte erzählst, Kleine. Aber wieso ausgerechnet mir?“, fragte der Mehandor.
Die Frau blickte zu ihm auf. „Mein Therapeut sagte mir, dass es mir helfen könnte, wenn ich mit anderen über meine Erlebnisse rede. Außerdem soll ich dich holen, denn du hast Ahnung von den Positroniken deines Clans. Und ein einfaches “Einen schönen Gruß vom Khasurn der von Loomnets” erschien mir zu langweilig. Ihr hättet lieber den Khasurn Lieber in die Freiheit entlassen sollen.“
In ihrer Brust begann es rot zu glühen.
„Und damit du weißt, dass du keine Chance hast, du Wurm!“
ENDE
