Kuchen

Triggerwarnung

Diese Geschichte enthält Darstellungen bzw. Erwähnungen von psychischer und körperlicher Gewalt, Versklavung und Manipulation, Krieg und Tod, dem Verzehr von Leichen, Zwangsmaßnahmen und Betäubung, Depressionen sowie Selbstverletzung und suizidalen Gedanken.

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Ceerenvenk-Sektor, Loom-System, Planet Talok, 11.11.1515 NGZ

Der Jagdkreuzer ALTHEIM, ein schneller Kreuzer der DIANA-Klasse, senkt sich langsam auf das Landefeld ab. Es herrscht wenig Raumverkehr. Ein walzenförmiger Frachter der Mehandor steht noch auf dem Raumfeld und wird gerade mit landwirtschaftlichen Produkten beladen.

Gerade durch die Leere auf dem Landefeld fällt das kleine Begrüßungskomitee auf. Ein alter Shift steht neben einem Luxusgleiter. Davor sind mehrere bewaffnete Soldaten in einfachen Uniformen sowie mehrere Arkoniden in auffallend bunten Paradeuniformen aufgestellt.

Nachdem die ALTHEIM gelandet ist, bringt ein Kraftfeld mehrere Personen zu Boden. Die Gruppe wird von Captain Tarak von Loomnet angeführt. Zwischen vier bewaffneten Soldaten des Explorerschiffs steht Lilith mit gesenktem Kopf und gefesselten Händen. Sie trägt noch immer den Heilverband am rechten Arm, in dem Nanomaschinen dabei helfen, den Knochenbruch zu heilen. Den Abschluss bilden zwei Kampfroboter des Typs TARA-VIII-UH.

„Seid gegrüßt, Nert-moas“, begrüßen ihn die Arkoniden in den Paradeuniformen. Tarak winkt jedoch einfach ab. „Lassen wir die Formalitäten. Ich muss bald wieder weiter. Ich habe euch etwas gebracht, das für unseren Khasurn von Bedeutung sein könnte. Damit die Verschollene es schafft, uns von den Mehandor zu befreien, habe ich ihr etwas mitgebracht. Ich hoffe, es hilft ihr ebenso wie die üblichen Waffen und Ausrüstungsgüter, die ich ebenfalls mitgebracht habe.“ Eilig nicken die Arkoniden. „Aber ja, Nert-moas von Loomnet. Sie kann sicher alles gut gebrauchen, was Ihr mitbringt. Sie hat inzwischen auch ihr Anrecht herausgefunden und das Parlament davon überzeugt, dass sie das Sagen haben sollte. Man hat sie jedoch ausgebremst …“ Weiter kommt der Mann nicht. Tarak winkt ab und hält ihm einen Kristall hin. „Wie gesagt, ich muss weg. Die TARA-Roboter lasse ich euch als Wachen für das Wesen da. Sie ist gefährlicher, als sie aussieht. Ich habe alles Wichtige in den Kristall eingetragen. Nutzt sie. Lasst euch nicht von ihrem Äußeren täuschen: Sie ist keine Arkonidin.“
„Nutzt sie? Ich dachte, mir würde hier geholfen!“, fragt Lilith mit Tränen in den Augen.
„Schweig still. Mir ging es nur darum, dich aus den Händen der Terraner zu holen. Sie verstehen nicht, was sie mit dir gefunden haben. Du wirst dich fügen, dann bekommst du auch genug zu essen.“ Damit wendet er sich ab und geht in Richtung seines Schiffes. Lilith wird unter Tränen zu dem Shift geführt.

15.11.1515 NGZ

Lilith sitzt allein an einem Tisch in einem großen Speisesaal. Es ist hell um sie herum. Weiß ist die dominante Farbe, die lediglich von grünen Pflanzen unterbrochen wird. Der weiße Tisch, an dem sie sitzt, ist rund und gerade groß genug für zwei Personen. Niedergeschlagen rührt sie mit einem Löffel den Tee vor sich um.
Dies wird Therapie genannt. Sie soll unter kontrollierten Bedingungen mit den anderen Patienten in Kontakt kommen. Doch niemand traut sich zu ihr, und sie selbst ist nicht in der Stimmung, die Nähe anderer zu suchen. Vielleicht liegt es auch an dem Halsband, das man ihr verpasst hat. Man möchte ihr möglichst viel Freiheit geben, kann aber angesichts ihrer Vergangenheit nicht auf „Sicherheitsmaßnahmen“ verzichten. Das Halsband soll ihr ein Narkosemittel in die Blutbahn spritzen, sollte sie sich gefährlich verhalten.
Eine einzelne Träne fällt neben dem Tee auf den Tisch. Sie fühlt sich so einsam und verloren wie noch nie. Früher hatte sie zumindest noch die Stimme ihres Meisters im Kopf.
„Hey, wer bist du denn? Dich habe ich hier noch nie gesehen.“ Ungefragt setzt sich eine Arkonidin zu ihr an den Tisch. Sie hat eine geradezu ekelhaft gute Laune. „Ich bin ein Monster. Besser, du suchst dir einen anderen Tisch“, sagt Lilith niedergeschlagen.
„Ach was, so schlimm siehst du gar nicht aus. Wenn wir deine Haare in Form bringen, bist du sicher ganz hübsch. Ich denke, wir könnten gute Freunde werden.“
Hat sie nicht zugehört?, fragt sich Lilith. Sie schaut hoch und betrachtet die Frau. Optisch gibt sie nicht viel Besonderes her. Wie die meisten ihres Volkes trägt sie langes weißes Haar, hat rote Augen und ist wie alle anderen hier in strahlend weiße Kleidung gehüllt. Der Unterschied ist nur, dass sie so extrem gut gelaunt ist.
„Oh je, du hast ja ganz verweinte Augen“, merkt die Frau an. „Sind die Ärzte nicht gut zu dir?“
„Lass mich in Ruhe“, fordert Lilith sie erneut auf.
„Ach, komm schon. Willst du nicht erzählen, warum du hier bist? Die Therapeuten sagen, es hilft, wenn man darüber redet.“ Nun wird es Lilith zu viel.
„VERDAMMT, LASS MICH IN RUHE!“, schreit sie, wirft den Tisch zur Seite und bricht bewusstlos zusammen. Das Halsband hat reagiert und ihr das Narkosemittel verabreicht. Während die Frau nur überrascht schaut, sind die Umstehenden verängstigt. Liliths Brust hat rot zu leuchten begonnen. Rasch kommen mehrere Pfleger und Soldaten herbeigeeilt. Die Soldaten schirmen die Frau ab und bringen sie aus dem Raum. Die Pfleger überprüfen, ob Lilith tatsächlich narkotisiert ist, und bringen sie in ihr Zimmer.
„Lief nicht so gut wie gedacht. War wohl etwas zu energisch“, murmelt die Frau, bevor sie mit den Soldaten den Raum verlässt.

16.11.1515 NGZ

Lilith sitzt wieder allein an ihrem Tisch. Vor ihr steht erneut ein Tee, in dem sie lustlos herumrührt. Plötzlich stellt jemand einen Teller mit einem Stück Kuchen vor ihr ab. Es ist schon wieder diese nervige Frau von gestern, denkt Lilith.
„Sorry wegen gestern. Vielleicht habe ich falsch angefangen.“
„Ich weiß etwas Besseres, als dir zuzuhören“, entgegnet Lilith. Ihre Brust leuchtet auf, das Halsband schaltet auf Rot, und Lilith sackt bewusstlos zusammen. Dabei landet ihr Gesicht direkt auf dem Kuchen.
„Boah, echt jetzt? Der schöne Kuchen!“ Die Frau ist beleidigt. Wie am Tag zuvor kommen ein paar Pfleger und schaffen Lilith weg.

23.11.1515 NGZ

Wie zuvor sitzt Lilith allein mit einem Tee am Tisch. „Bitte gib mir eine Chance. Wir hatten einen miesen Start.“ Lilith braucht nicht einmal aufzusehen, um zu wissen, dass es die Nervensäge von letzter Woche ist.
„Na gut, setz dich. Lass uns reden. Bilde dir aber nichts darauf ein. Das mache ich nur, weil mir die Therapeuten Konsequenzen angedroht haben, wenn ich mich wieder selbst betäube.“
Freudig schnappt sich die Frau einen Stuhl und setzt sich Lilith gegenüber. „Darf ich dir wenigstens heute mal einen Kuchen anbieten?“
Lilith verdreht die Augen. „Was willst du eigentlich mit diesem verdammten Kuchen? Ich bin ein Drache. Ich brauche Fleisch und Gemüse.“
Verwundert weicht die Frau etwas zurück. „Sag jetzt aber nicht, dass du noch nie Kuchen hattest. Fleisch und Gemüse können doch nicht alles sein. Was ist mit einer Süßspeise? Zucker macht doch gleich gute Laune. Lass mich dir ein Stück holen.“ Bevor Lilith etwas erwidern kann, steht die Frau auf und läuft zur Essensausgabe. Sie hat noch nicht einmal ihren Namen genannt, fällt Lilith auf.

Es dauert nur Sekunden, bis die Frau mit zwei Tellern Kuchen zurückkommt und je einen vor sich und Lilith abstellt.
„Jetzt noch einmal zu dir: Du hast bisher immer nur Fleisch und Gemüse gegessen?“
Lilith hält den Kuchen vor sich und riecht vorsichtig daran. „Ja. Mein Meister hat gesagt, ich brauche nur Gemüse zum Überleben. Das Fleisch kann ich mir als Belohnung vom Schlachtfeld holen. Die Ärzte hier haben gesagt, dass ich das vorerst beibehalten soll. Sie meinten auch, ich sollte mich von Zucker fernhalten, der wäre wohl nicht gut für mich. Er könnte mich aggressiv machen oder so etwas. Ich habe nicht wirklich zugehört. Vor meinem Meister habe ich gegessen, was ich auf der Erde finden konnte. Aber das ist so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnere. Die Zeit vor meinem Meister ist verschwommen.“
Die Frau nimmt ihr den Teller weg. „Wenn die Ärzte das sagen, dann vielleicht später. Aber sag mal: Wie meinst du das, du hast dir das Fleisch vom Schlachtfeld geholt? Die haben dort doch keine Würstchenbude für dich aufgebaut.“
„Na ja, so wie es doch jeder macht: Die toten Feinde waren noch warm, und es gab so viele, dass ich mich immer satt essen konnte. Was mir dabei einfällt: Hier bekomme ich jeden Tag eine Portion Fleisch, aber die Welt wirkt so friedlich. Wo bekommt ihr das her, wenn ihr keine Gegner habt?“
Nun ist die Frau sichtlich geschockt. Das macht Lilith sofort betroffen. Offenbar hat sie wieder jemanden enttäuscht. Vielleicht sollte sie in ihr Zimmer zurückgehen, denkt sie.
„Uff, deinem Meister möchte ich nicht begegnen. Das klingt nach einer unschönen Ernährung. Wir züchten hier unser Fleisch. Für unser Essen muss kein Lebewesen leiden. Vielleicht sollten wir es doch einmal mit Kuchen probieren. Ich glaube, das würde dir guttun.“ Sie schiebt Lilith den Teller hin. Doch bevor eine von ihnen ein Stück essen kann, treten mehrere Männer an den Tisch.
„Es ist Zeit für die nächste Therapiesitzung.“
„Schade. Dann beim nächsten Mal, versprochen.“ Damit steht die Frau auf und verlässt in Begleitung von zwei Männern den Tisch. Sehnsüchtig schaut Lilith noch einmal auf den Kuchen. Welches Geheimnis mag er wohl bergen, dass die Unbekannte immer wieder damit ankommt? Anders als die Unbekannte folgen die Männer ihr jedoch nicht, sondern drängen Lilith freundlich, aber bestimmt, zur nächsten Sitzung zu gehen.

24.11.1515 NGZ

Diesmal sitzt Lilith nicht traurig, sondern eher sehnsüchtig an ihrem Tisch. Sie hält Ausschau nach der Fremden. Mit ihrer Art ist sie zwar nervig, aber sie kommt ohne Erwartungen und bringt immer Kuchen mit. Die ganze Nacht hat Lilith darüber nachgedacht, wie der wohl schmecken könnte.
Sie muss nicht lange warten. Die Fremde kommt mit zwei Tellern, auf denen Kuchen liegt, zu ihr. Wie zu erwarten, hat sie wieder ein Lächeln im Gesicht und ist sichtbar gut gelaunt.
„Hallo, Lilith. Schön zu sehen, dass du heute besser drauf bist.“ Damit begrüßt sie Lilith und stellt ihr den Teller hin. Daneben legt sie ein silbernes Metallstück. Vielleicht sollte Lilith endlich einmal fragen, wie die Frau eigentlich heißt. Ihr fällt auf, dass sie ihren Namen noch immer nicht kennt.

„Danke. Es tut gut, eine Person zu haben, die nichts von mir will und einfach freundlich ist.“ Das Strahlen der Fremden wird noch größer.
„Bevor uns wieder etwas dazwischenkommt, würde ich sagen: Greif zu. Dieses Mal essen wir den Kuchen ganz auf.“
Lilith lässt sich das nicht zweimal sagen. Zu groß ist ihre Angst, dass bei ihrem bisherigen Pech im Leben wieder etwas dazwischenkommt. Sie greift zu und beißt ein großes Stück vom Kuchen ab.
„Boah, waff ist der guf!“, nuschelt sie mit vollem Mund und großen Augen. „Ich liebe Kuffen. Iff waff?“ fragt sie die Fremde, die sie sprachlos ansieht und dabei das Metallstück in die Höhe hält.
„Also eigentlich benutzt man so eine Kuchengabel zum Essen“, sagt sie lächelnd.
Lilith sackt wieder in sich zusammen. Ihre Stimmung kippt ins Trübselige. „Entschuldige. Du musst mich für ein Tier halten.“
„Aber nein“, entgegnet die Fremde. „Nur für eine Person, die noch keine Chance hatte, ihr Leben zu leben.“
Sie nimmt eine Serviette, um die Kuchenkrümel aus Liliths Gesicht zu wischen. Lilith weicht zunächst misstrauisch zurück, doch als sie merkt, dass die Fremde ihr nichts Böses will, beugt sie sich wieder etwas vor. Vorsichtig wischt die Frau ihr mit der Serviette über den Mund. Dabei kommt sie Lilith so nahe, dass diese ihren Geruch wahrnehmen kann. Die gepflegte Haut verströmt einen besonderen Duft nach Lilith unbekannten Pflegestoffen. Er riecht edel. Oder hat Lilith bisher zu einfach gelebt – beziehungsweise leben müssen? Der Geruch löst ein Gefühl des Wohlbehagens aus. Es ähnelt dem Gefühl, das ihr Meister in ihr ausgelöst hat, wenn er sie abends allein in ihrer Kabine belohnen wollte – nur ehrlicher.
„Was machst du da?“, fragt die Frau verwirrt neben ihrem Ohr.
Gleichzeitig hört Lilith, wie zwei Waffen entsichert werden. Es sind nur leichte Strahler, aber durch ihre unzähligen Kämpfe erkennt sie das Geräusch sofort. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie die Fremde am Kopf gepackt und so nah an sich herangezogen hat, dass sie ihre Nase in deren Haar versenkt hat.

„Entschuldige, ich habe die Kontrolle verloren. Dein Geruch, der war …“
„Besser, du gehst in dein Zimmer, um wieder die Kontrolle über dich zu bekommen“, eröffnet ihr einer der beiden Sicherheitsleute.
Traurig steht Lilith auf und folgt den Männern in ihr Zimmer. Aus der Ferne kann die Fremde sehen, wie Lilith sich noch schnell die letzten Kuchenreste von der Hand leckt.
„War das nicht zu gefährlich? Immerhin wissen wir noch immer nicht, wozu sie fähig ist und wie stabil sie ist“, fragt ein Pfleger die Fremde.
„Aber nein. Sie ist auf dem richtigen Weg. Wir dürfen sie nicht an Depressionen zugrunde gehen lassen. Jetzt muss ich aber auch weg. Meine staatlich angeordneten Therapiestunden warten auf mich.“ Sie wirft noch einen kurzen Blick auf den Kuchen. Wieder haben sie es nicht geschafft, ihn in Ruhe zu essen.
„Ach, bevor ich es vergesse: Lasst sie übermorgen in den Park. Der wird ihr guttun, und ich will sie dort treffen.“

26.11.1515 NGZ

An der Ausgangsschwelle bleibt Lilith kurz stehen. Seit zwei Wochen ist sie auf diesem Planeten und war seitdem nicht mehr im Freien. Sie geht ein paar Schritte weiter. Diesmal hat sie zwei Teller mit Kuchen in der Hand. Sie bleibt kurz stehen, streckt die Nase in den Wind und genießt die Sonne. Danach schnippt sie ihre Schuhe von den Füßen. Sie will die Gelegenheit nutzen, um wieder Gras unter ihren Füßen zu spüren.
Sie braucht einen Moment, doch danach ist ihr Schritt lockerer und beschwingter. Die Pfleger haben ihr gesagt, wo sie die Fremde finden kann, aber niemand wollte ihr verraten, wie diese eigentlich heißt. Das ist ihr gerade egal. Zu groß ist die Freude über Sonne, Wind, Gras und den Kuchen in ihren Händen.
„Hallo, du immer noch Unbekannte! Heute habe ich Kuchen aus der Kantine mitgebracht. Sie nennen ihn Granitkuchen – oder war es Marmorkuchen? Ich habe es vergessen …“
Die Fremde lacht. „Komm, setz dich zu mir ins Gras. Ich habe heute etwas anderes für dich.“
Lilith stellt die Teller neben sich und nimmt das Glas mit der hellgelblichen Flüssigkeit entgegen.
„Das wird Weißwein genannt. Das ist leichter Alkohol. Hast du so etwas schon einmal getrunken?“
Lilith schüttelt den Kopf, setzt das Glas an und leert es mit einem Schluck.
„Bäh!“, stößt sie hervor und spuckt den Weißwein ins Gras.
Die Fremde muss wieder lachen. Lilith merkt jedoch, dass sie nicht über sie, sondern über die Situation lacht.
„Okay, Wein ist also nichts für dich. Du musst wirklich noch lernen zu leben und nicht nur zu funktionieren. Vielleicht kann ich dir dabei helfen. Ich konnte die Ärzte davon überzeugen, dass dein Halsband nicht mehr nötig ist. Komm, lass mich es dir abnehmen.“
Lilith ist ganz aufgeregt. Soll sie nun wirklich wieder Freiheit genießen dürfen? Dass sie noch immer nicht frei ist, ist ihr klar: Sie hat die hohen Mauern bemerkt, die den Park einrahmen, ebenso die überall verteilten Wachen und die in der Luft schwebenden Drohnen. Aber immerhin wird sie endlich das einschnürende Gefühl des Halsrings los. Freudig senkt sie den Kopf, und tatsächlich nimmt die Fremde ihr den Ring ab, als wäre er ein einfaches Schmuckstück. Wieder treten ihr Tränen in die Augen.
„Danke. Dieses kleine Stück Freiheit bedeutet mir viel.“

Viel mehr kann sie jedoch nicht sagen, denn von Weitem kommt ein Pfleger angelaufen.
„Verschollene, es ist wichtig …“
Was so wichtig ist, kann er nicht mehr sagen, denn ein Teller trifft ihn im Gesicht.
„Verschollene? Das bist du? Alle reden über dich, als wärst du eine Herrscherin! Das alles machst du doch nur, um mich zu manipulieren, wie so viele vor dir!“, spuckt Lilith ihr entgegen.
Treffsicher wirft sie den zweiten Teller auf einen herbeieilenden Sicherheitsmann.
„Egal, ob die Menschen, denen ich als Drache den Zugang zu den Lebensmitteln der Mächtigen ermögliche, mir dann als Mensch nicht einmal einen Brotkrumen gönnen!“
Sie springt hoch, schnappt sich eine der fliegenden Drohnen und wirft sie auf eine andere, bevor diese ihre Narkosewaffen einsetzen können.
„Oder mein Meister, der mich versklavt und manipuliert hat!“
Geschickt duckt sie sich und nutzt den Schwung eines zwei Meter großen Hünen von Wachmann, um ihn von sich zu schleudern.
„Nein, du bist genauso! Was willst du von mir? Soll ich auch für dich andere Völker unterwerfen?“ Sie speit ihr den letzten Satz förmlich entgegen.
Die Verschollene ist einerseits von Liliths Geschick und Treffsicherheit beeindruckt, andererseits aber auch erleichtert, dass Lilith offenbar gerade nicht daran denkt, sie in Flammen aufgehen zu lassen. Von allen Seiten nähern sich nun Sicherheitskräfte und Drohnen. Lilith kommt langsam näher, während die auf dem Boden liegende Frau versucht, Abstand zu halten. Der Hass in Liliths Augen und das rote Glühen in ihrer Brust machen ihr Angst. Die ersten Narkosetreffer erwischen Lilith, doch sie gibt sich noch unbeeindruckt. Bei einem Treffer geht ein Schimmern über Liliths Haut, sodass sich die Verschollene verwundert fragt, ob sie Schuppen darauf erkennen kann. Erst als sich drei Sicherheitskräfte auf Lilith stürzen, schaffen sie es, sie zu Fall zu bringen. Ein vierter verabreicht ihr rasch ein Betäubungsmittel.

28.11.1515 NGZ

Die Verschollene betritt Liliths Zimmer mit zwei Tellern Kuchen in der Hand. Lilith liegt jedoch apathisch und gefesselt auf ihrem Bett. Die Frau stellt den Kuchen auf einen kleinen Tisch, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben Lilith. Während Lilith über der Brust einen Verband trägt, hat die Verschollene etwas Eindrucksvolleres als die übliche Patientenkleidung an.
„Lasst mir doch wenigstens die Freiheit zu sterben“, haucht Lilith.
„Mir wurde schon gesagt, dass du gestern versucht hast, dir dein eigenes Herz herauszureißen. Ich konnte das aber nicht verantworten. Es tut mir leid.“
Es herrscht kurzes Schweigen, während Lilith mit leerem Blick weiter an die Decke starrt.
„Guter Wurf übrigens“, sagt die Frau und wechselt das Thema. „Du hast meinen Assistenten damit direkt ausgeknockt. Er hat eine dicke Beule, die er verdient hat. Ich wollte unser Treffen eigentlich nutzen, um dir zu sagen, wer ich wirklich bin. Durch sein Auftauchen hat er mir die Chance genommen, es dir in Ruhe zu erklären. Danke übrigens, dass du mich nicht in Flammen hast aufgehen lassen.“
Lilith reagiert nicht mehr auf ihre Worte.
„Du hattest die Ärzte übrigens falsch verstanden. Zucker macht dich nicht aggressiver. Er beeinflusst die Kristalle, die in deinem Körper verblieben sind. Dadurch konntest du so viel Kraft sammeln, dass es drei starke Sicherheitskräfte brauchte, um dich zu bändigen. Das war beeindruckend. Du bist wohl eine geborene Naschkatze.“
Sie schaut zu Lilith, die auf dem Bett liegt, doch diese reagiert weiterhin nicht auf ihre Worte. Die Frau atmet hörbar aus.
„Bitte nimm mir mein Vorgehen nicht übel. Ich hatte nicht vor, dich zu verletzen. Genau genommen war ich in einer ähnlichen Situation wie du und hätte mir damals eine Freundin gewünscht. Ich wollte dir eigentlich nur helfen. Aber du hast recht: Ich hätte von Anfang an reinen Tisch machen sollen. Das möchte ich jetzt nachholen.
Mein vollständiger Name lautet: Sonnenkur und Ta-moas Lucy aus dem Khasurn der von Loomnets, Keon’athor der arkonidischen Flotte und Fürstin des Ceerenvenk-Sektors. Zumindest war ich das noch an jenem Tag vor über 10.000 Jahren, an dem ich eigentlich hätte sterben sollen. Und jetzt möchte ich dir meine Geschichte erzählen. Vielleicht kannst du mir danach vergeben.“

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